HEXENTRIO

PAUL PLIMLEY / piano
BARRY GUY / double bass
LUCAS NIGGLI / drums, cymbals and percussion


Hexentrio
In the spring of 2012, during a tour of Europe, Plimley, Guy and Niggli recorded this album at a studio session in the "Loft" in Cologne, Germany. Barry Guy and Lucas Niggli had worked together a lot in the past few years. Pianist Paul Plimley, a Canadian with Irish roots, had made himself a name as one of the founders of the New Orchestra Workshop (NOW). There Plimley came to the attention of Han Bennink, Gerry Hemingway and Barry Guy. In 2009 Lucas Niggli played with Plimley at the festival in Vancouver, and the trio with Barry Guy was born.
The album contains distillations of their "live"-performances – pieces with a sharp focus often developed out of quiet sequences. "There is a remarkable sensitivity, which truly shines in the slow numbers", writes Marc Chénard in the liner notes. "On the flip side of the coin, they can push and shove with the best of them, and there are more than a handful of those moments, too. Most importantly, though, this spirited team shows us how true freedom lay not only at the outer limits but also within them."


Im Frühjahr 2012, während ihrer Europatournee, entstand im Loft in Köln die Studioaufnahme des «Hexentrios». Der in der Schweiz lebende Bassist Barry Guy sowie der Schlagzeuger Lucas Niggli arbeiten während der letzten Jahren intensiv zusammen. Der Pianist Paul Plimley, der Kanadier irischer Herkunft, machte sich bereits Ende der Siebzigerjahre als Mitbegründer des New Orchestra Workshop (NOW) einen Namen. Zahlreiche Musiker wie Han Bennink, Gerry Hemingway und nicht zuletzt Barry Guy wurden auf Plimley aufmerksam. Im Sommer 2009 lernte Niggli den Pianisten bei einem Gastauftritt am Festival in Vancouver kennen. Hier wurde das Trio Plimley-Guy-Niggli aus der Taufe gehoben.
Die CD-Einspielung enthält Kondensate der Live-Erfahrung. Es sind musikalische Verdichtungen, die sich im hochkonzentierten, oft auch ruhigen Spiel, entwickeln. «Die gefühlvollen Balladen lassen uns aufhorchen», schreibt der kanadische Journalist Marc Chenard in den Liner Notes. «Viele wissen es: Diese Jungs sind imstande, gehörig zu toben, was auf der Aufnahme denn auch gebührend gewürdigt wird. Dennoch liefern sie uns hier den Beweis, dass wahre Freiheit sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Grenzen des Möglichen ausgelotet werden kann.»


Reviews

Hexentrio, which teams Plimley with British bassist Barry Guy and Swiss drummer Lucas Niggli, is a crazier proposition—as befits a unit that's not above donning brightly coloured feather boas for a vocal improvisation based on the writings of Samuel Beckett. Bizarrely, given his dancer's physicality and slashing arco attack, Guy is the calm centre of this musical coven; flanking him, Plimley and Niggli mirrored each other's flailing limbs and witty sonic commentary. Was that really a snatch of "La Cucaracha" that ended one improv? Yes, it was…
(Alexander Varty and Gregory Adams, Vancouver 2012)


Paul Plimley, Barry Guy, and Lucas Niggli show off more than just technique on Hexentrio
It’s tempting to attribute Hexentrio’s success to the collective virtuosity of local pianist Paul Plimley, British bassist Barry Guy, and Swiss drummer Lucas Niggli—who, as the Hexen Trio, recently closed the 2012 Vancouver International Jazz Festival with an even more visceral and flamboyant display of no-holds-barred improvising. Abstract as this music can get, it nonetheless suggests that the three can play anything, and indeed Guy regularly performs early music at an extremely high level, Plimley is intimately familiar with the classical repertoire, and Niggli has no problem fitting in with Chinese guzheng wizard Xu Fengxia in their Black Lotos duo.
But there’s more than mere technique going on in this music, which ranges from hushed, impressionistic meditations to scarifying blasts of noise to fleeting passages of sweetness and light. What most animates the band is its giddy physicality, likely stemming from the curious corporeal rapport between the drummer and the pianist. Niggli is lithe and dark, while Plimley is round and blond, but they’re almost kinetic twins given to playfully rapid-fire explorations of their instruments. Guy plays with no less abandon and can be equally speedy, but in this context he often provides the solid, essential core that lets the other two fly.
Guy also came up with one of Hexentrio’s craziest ideas: a gibberish redaction of Samuel Beckett’s “dramaticule” Come and Go that’s wonderfully, barkingly mad. The players don’t even touch their instruments on this surreally entertaining vocal showcase—and since none of them are singers, it just goes to show that in improvised music, fearless minds matter most.
(Vancouver's Online Source. straight.com. July, 26, 2012)


Hexentrio

Eines der Stücke klingt, als durchquerten die Instrumente wie auf Zehenspitzen einen großen, hellhörigen Raum: leise, mit punktuellen Tönen und Rhythmen, die sich vorsichtig immer einen kleinen Schritt weiter wagen. In einem anderen wirbeln hektische Männerstimmen in wild durcheinanderwuselnden Silben und Lauten daher: knurrend, fistelnd, brabbelnd. Und in wieder einem anderen erzittern Basstöne wie ihr eigenes, vielfach nachhallendes Echo, poetisch umrankt von sparsamen, scharf umrissenen Klaviertönen, flüsternden Becken und dem weiten Sound von an- und abschwellenden Gongs. Diese Musik ist ein unerhörtes Erlebnis – für alle Hörer. Für die mit allen möglichen und unmöglichen Formen des Jazz und anderer improvisierter Musik Vertrauten genauso wie für die Neulinge auf solchen Gebieten. Es ist die Musik von Pianist Paul Plimley, Bassist Barry Guy und Perkussionist Lucas Niggly. Auf der CD „Hexentrio“ finden der kanadische Pianist irischer Abstammung und seine beiden in der Schweiz lebenden Kollegen aufregend frische und von Stück zu Stück mehr überraschende Klänge für diese klassische Jazzbesetzung.

Der Titel „Hexentrio“ ist von Shakespeares „Macbeth“ inspiriert, manche Einzelstücke auch von Samuel Beckett, und die Musik dieser drei Freitöner hat durchweg etwas von musikalischem Theater. Die Klänge dieser siebzehn, zum Teil ganz kurzen Stücke wecken unmittelbar Bilder, haben ganz entschieden etwas von Szenen, die vor den Ohren und dem inneren Auge ablaufen – und zwar in weit höherem Maße, als das bei Instrumentalmusik normalerweise üblich ist. Vielleicht, weil diese Stücke Destillate aus freien Improvisationen sind – aus Konzerten, in denen die Musiker einfach aus dem Nichts heraus Töne in noch unbekannte Richtungen laufen lassen. Das Spannende: Diese Destillate haben immer noch die Lebendigkeit und Energie von freien Live-Improvisationen – und zugleich sind sie in strenge Form gebracht.

Das Etikett „Free Jazz“ passt für diese Musik zwar, führt aber in die Irre. Denn diese Stücke haben viel mehr Dimensionen als die gängige Vorstellung von ganz freien Jazz-Improvisationen. Manche der Stücke sind von eine berückenden lyrischen Innigkeit. Musik, in die man sich genießerisch hineinfallen lassen kann, die aber zugleich nicht das geringste melodische oder harmonische Klischee verwendet. Wieder andere sind wild, aufbegehrend, stürmisch und fegen alles Gemütliche aus den Gehörgängen. Alle zusammen sind sie mit allerhöchster handwerklicher Präzision und großer klanglicher Phantasie gespielt. So dass man sich von diesen drei musikalischen Hexenmeistern getrost in die vielen fremden Zauberwelten entführen lassen kann – man kommt ungemein angeregt wieder aus ihnen heraus.
(Roland Spiegel, Bayrischer Rundfunk, CD aktuel, 20. Juni 2012)



Furioses Spiel mit übernatürlichen Fähigkeiten
Der Konstanzer Jazzclub eröffnete seine neue Reihe „Pianofrühling“ mit dem Hexentrio im K9

Was nur wenige vermutet hätten: Musikalische Avantgarde trifft auf Humor. Das Hexentrio macht's möglich.

Kein langes Einspielen, kein vorsichtiges Herantasten. Paul Plimley (Piano), Barry Guy (Bass) und Lucas Niggli (Drums) legen direkt los. Plimleys Finger tänzeln fiebrig über die Tastatur, was Barry Guy sofort aufgreift, und auch Lucas Niggli steigt mit ein in den Schlagabtausch. Drei Jazzer in hitziger musikalischer Diskussion. Worüber sie sich so virtuos ereifern – zunächst weiß man es nicht. Ein Thema haben sie ihren Zuhörern nicht unterbreitet – die sitzen zunächst da im Konstanzer K9, ahnungslos und einfach nur staunend über die knisternde Energie, die live vor ihren Ohren in Musik umgesetzt wird. Aber allmählich gewinnt diese Performance an Struktur, begreift man Rede und Gegenrede, verfolgt, wie die Diskussion in ruhigere Bahnen kommt, um wieder an Fahrt zu gewinnen. Und schließlich schält sich doch noch eine choralartige Melodie aus dem flirrenden Klaviersatz heraus, über die das Trio zu einem ruhigen, poetisch weichen Ende findet.
Goethe war es, der den in der klassischen Musik gerne zitierten Satz prägte, man höre im Streichquartett „vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten.“ Kaum anders ist es hier bei der Eröffnung des „Pianofrühlings“, zu dem der Konstanzer Jazzclub vier Termine gefasst hat, bloß dass statt vier Leute drei zugegen sind, die sich „Hexentrio“ nennen und entsprechend agieren: Wild, spontan und mit gleichsam übernatürlichen Fähigkeiten.
So besonnen und etikettengerecht, wie man vermutlich zu Goethes Zeit miteineinander umgegangen ist, geht es hier allerdings nicht zu. Die Musiker spielen „auf volles Risiko“, wie Lucas Niggli sagt. Und das bedeutet: ohne genaue Absprachen. Die Musik entsteht beim Spielen. Fantastisch, wie sich die Musiker mit schlafwandlerischer Sicherheit durch ihre gerade entstehenden Stücke bewegen wie durch eine ausgearbeitete Choreografie. Und doch ist es eine Musik ohne Netz und doppelten Boden.
Die kann manchmal nervös klingen, sie kann von trashigen Klängen durchzogen sein, wenn Barry Guy Stäbe zwischen die Saiten seines Basses steckt, Lucas Niggli seine Trommeln mit eisernen Ketten traktiert und Paul Plimley das Innere des Flügels mit Schlegeln. Doch dann kann es passieren, dass Plimley eine herb-süße Akkordfolge auf die Tastatur haucht und Barry Guy sie mit leisen Tremoli genießerisch untermalt.
Die drei Musiker begegnen sich auf Augenhöhe, aber der heimliche Kopf des Trios ist der Pianist Paul Plimley, ein Kanadier, der nun, auf Einladung des Konstanzer Jazzclubs, erstmals in Konstanz zu erleben war und dessen Mimik ebenso variantenreich ist wie seine Spieltechnik. In Verbund mit den beiden anderen Musikern revidierte er auch das Vorurteil, avantgardistische Musik schwebe in solch hohen Sphären, da reiche kein bodenständiger Humor mehr hin. Weit gefehlt. Das zeigte sich unmittelbar nach der Pause, als sich das Hexentrio als indirekte Nachfahren der Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ zu erkennen gab. Mit einer bunten Federboa um den Hals steckten die drei ihre Köpfe zusammen und keiften und kauderwelschten, als hätten Shakespeares Hexen soeben die Ursonate erfunden – eine urkomische Nonsense-Nummer, die doch voller musikalischer Grammatik steckte. Das Publikum war begeistert und erklatschte sich schließlich noch eine Zugabe. Und dann blieb frei nach Shakespeare nur noch eine Frage offen: „When shall we meet you three again?“
(Judith Grosch, Südkurier, 28.01.2012, Deutschland)

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CD

2012 Hexentrio Intakt Records CD206/2012